Zur Entstehungsgeschichte

Interview mit der Regisseurin Antje Grez

Aus Rumänien kennt man Bilder von erschreckenden Zuständen in Kinderheimen, verwahrlosten Straßenkindern und streunenden Hunden. Für viele Leute in Westeuropa ist das Land auch heute noch nahezu unbekannt. "Pur si simplu" wirft einen ganz anderen Blick auf das Leben dort, ohne die Verhältnisse zu beschönigen. Wie kamst du dazu, einen solchen Dokumentarfilm zu machen?

Seit 1997 bin ich regelmäßig in Rumänien. Ich habe damals ein halbes Jahr lang vor Ort für einen deutsch-rumänischen Verein gearbeitet, der sich hauptsächlich um Heimkinder und alte Menschen in Lipova (Kreis Arad) kümmerte. Ich habe sehr schnell die Sprache gelernt und viel Zeit gehabt, um Land und Leute kennenzulernen. In dieser Zeit war ich öfter zu Besuch in Sintana, wo die Jungs, von denen der Film erzählt, im Heim lebten. Die waren, glaube ich, damals erst sechzehn oder siebzehn Jahre alt, ich dreiundzwanzig. Mit ihnen Zeit zu verbringen war toll. Der Draht, der zu ihnen entstanden ist, blieb bestehen. Ich besuchte sie jedes Jahr und darüber bekam ich dann auch mit, wie ihr Leben weiterging, nachdem sie aus dem Heim raus waren. Sie hatten keinen einfachen Alltag, nicht viele Möglichkeiten - was mich aber immer beeindruckt hat, war ihr Optimismus. Die Jungs haben versucht, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Das hat mich dazu gebracht, einen Film über sie zu machen.

Wie haben denn die Protagonisten die Idee aufgenommen?

Sehr positiv. Für sie war das ein Abenteuer, als wir mit der Kamera auftauchten. Sie kommen ja selbst nicht oft raus: Wochentags um halb sechs aufstehen, acht bis zehn Stunden arbeiten... In gewisser Weise ist das ihr Film. Sie haben sofort verstanden, was ich zeigen möchte, und vieles von sich aus reingebracht. Es ging ja um sie, um ihr verdammtes Leben. Das fanden sie einfach gut.

Du bist selbst Autodidaktin, hast vorher nie etwas mit dem Filmemachen zu tun gehabt. Wie wurde "Pur si simplu" denn realisiert?

Also, ehrlich gesagt, hätte ich vorher gewusst, wass da auf mich zukommt - vielleicht wäre der Film dann nie entstanden. Das war ja eine No-Budget-Produktion, d.h. der Film wurde eigenfinanziert. Das tolle an der Digitaltechnik ist ja, das sowas machbar ist. Auch für Leute, die nicht viel Geld haben oder nicht professionell in dem Bereich arbeiten. Ich hatte einen Job im ambulanten Pflegebereich und noch etwas Erspartes. Alle, die an dem Film mitwirkten, haben dies ohne Bezahlung getan. Für sie war es ein interessantes Projekt und eine neue Herausforderung. Ich hatte wirklich großes Glück mit dem Team. Der Kameramann Sebastian Sinterhauf war von Anfang an dabei. Er studierte an der FH Dortmund Kamera. Über die Fachhochschule konnten wir dann auch die Technik für die Dreharbeiten kostenfrei nutzen. Anfangs waren wir natürlich unsicher, ob das überhaupt ein Film wird, ob er sehenswert wird. Ich habe aber nie daran gezweifelt, dass er fertig wird. Nach unserem Hauptdreh im September 2002 war uns klar, dass wir gutes Material hatten. Die Cutterin Nina Caspers hat kurz darauf zugesagt, den Schnitt zu machen. Sie fand Ionicas Großeltern so beeindruckend... So ging es immer wieder weiter, Schritt für Schritt. Von der ersten Idee bis zur Uraufführung in Arad im September 2004 vergingen genau drei Jahre.

"Pur si simplu" lief auf verschiedenen Festivals und hat in Bochum vor kurzem einen Hauptpreis bekommen. Was gab es denn bisher an Reaktionen aus dem Publikum?

Oh, wie lässt sich das am besten zusammenfassen... nein, ich erzähle lieber eine Episode. Nach einer Vorführung mit anschließender Diskussion im Kino moviemento kam ein Mann auf mich zu und meinte, der Film hat ihn sehr berührt. Er selbst ist Gynäkologe, lebt seit zehn Jahren in Deutschland. Ursprünglich kommt er aus Bukarest, hat dort Medizin studiert. Schon als Kind war er in einem Klima von alltäglichem Rassismus gegenüber Roma aufgewachsen. Diese Minderheitengruppe wird ja in Rumänien nach wie vor diskriminiert. Seine Arbeit im Krankenhaus hatten seine Vorurteile bestätigt. Dort traf er oft auf arme Frauen, meist Roma, die ihre neugeborenen Kinder im Krankenhaus ließen und verschwanden. Das konnte er nie begreifen. Der Film hat es zum ersten Mal geschafft, ihm diese Gruppe von Menschen nahe zu bringen, sie als Menschen wie alle anderen Menschen zu sehen.

Kann man sagen, dass der Film in Rumänien oder für Leute aus Rumänien genauso wichtig ist oder sogar wichtiger, obwohl sie ja diesen Alltag und die Verhältnisse kennen?

Tatsächlich. Leute hier in Deutschland, die Rumänien höchstens von der Durchreise kennen, erwarten oft ein graues, düsteres Bild und sind sehr überrascht und beeindruckt von dem, was der Film zeigt. Leute, die in Rumänien leben oder lange dort gelebt haben, kennen diesen Alltag, die Verhältnisse, den Galgenhumor, das Augenzwinkern. Es überrascht sie, dies so treffend in einem Film wiederzufinden. Je nachdem, in welchen Verhältnissen sie leben, finden sie sich selbst darin wieder. Aber genauso gibt es innerhalb Rumäniens Klischeevorstellungen, Spaltungen und Vorurteile etwa gegenüber Heimkindern oder Roma, mit denen der Film zum Teil aufräumt.

Interview: b.b. (2005)