Presse

Ruhr Nachrichten vom 26.11.2005

Rumänien – ein Land voller Hoffnung
Das 13. Festival „Blicke aus dem Ruhrgebiet“ hat in Bochum begonnen

Trotz geschmälerten Etats geht das Video- und Filmfestival „Blicke aus dem Ruhrgebiet“ in die 13. Runde und das ist gut so. Bietet doch das Programm (40 Filme aus 191 Einreichungen) eine Plattform für Arbeiten aus und über die Region.
Wenn dann am Eröffnungstag ein kleines Juwel wie „Pur si simplu“ von Antje Grez läuft, hat sich der Weg ins Kino Endstation schon gelohnt. Eine 75-minütige Dokumentation aus Rumänien. Vier ehemalige Heimkinder porträtiert der Film. Und wo einem zu rumänischen Kinderhorten die schockierenden Bilder einer „Stern“-Reportage aus den 80ern einfallen, zeigt Antje Grez, dass man dort auch ohne Trauma aus dem Heim kommen kann: Vier aufgeweckte Burschen lernen wir kennen. Früher galten sie als schwer erziehbar, heute gehen sie ihren Weg und meistern das Leben. So schwer das auch sein mag. Fern jeder Schönfärberei zeigt „Pur si simplu“ dass Rumänien nicht zwangsläufig das Land der Depression ist.
Hoffnungsträger wie Dan, George oder Rupi beißen sich durch. Rupi etwa ist ein Roma, den die Mutter ins Heim geben musste. Selbstmitleid ist ihm fremd. Er hat Kunst studiert, ist Maler und Musiker. Und er hat den Ehrgeiz, davon existieren zu wollen. Wenn man sieht, wie ärmlich diese Habenichtse leben und doch den Kopf nicht in den Sand stecken, leuchtet das Wort vom „deutschen Gejammer auf hohem Niveau“ erst richtig ein. – Ein tief sympathisches Bild von Land und Leuten. Clever psychologisierend in der Montage. Und der Kameramann Sebastian Sinterhauf (FH Dortmund) stellt Nähe her, ohne aufdringlich zu sein.[...]

K.U.Brinkmann
www.blicke.org

Zitty (18.- 31.8.2005)

Dokumentarfilm (2 Sterne)
Pur si simplu

Das Regiedebüt der 30-jährigen Antje Grez dokumentiert auf tatsächlich ‚simple‘, aber eindrückliche Weise Alltag und Geschichte von vier jungen Rumänen, 35 km hinter der EU-Außengrenze. Ionica versucht das Erbe seines Vaters – ein buckliges, fast eingestürztes Häuschen – zu reparieren. Daneben arbeitet er hart für etwa 65 € im Monat an einer Holzschneidemaschine. In einem Café zeichnet Rupi ein paar Bilder und philosophiert über Kunst und Zukunftsvisionen. Den Wunsch, Musik oder Malerei zu studieren, konnte er finanziell leider nie umsetzen. Die Freunde Dan und George wollen ins Ausland, am liebsten nach Italien. Bis dahin versuchen sie das Beste aus ihrem Alltag zu machen. Sie backen Pizza, stellen die Musik lauter und versuchen auf dem Dach ihres Neubaublocks, eine Party zu feiern.
Was die Jugendlichen verbindet, ist ihre gemeinsame Vergangenheit in einem rumänischen Kinderheim. Aus der Perspektive des heute schwer schuftenden Ionica scheint es nur natürlich, wenn er sagt: „Es war eine schöne Zeit damals.“ Eine Erklärung ganz außerhalb der üblichen Klischees, die in Deutschland über rumänische Heimzustände kursieren. Und doch behauptet der Filmtitel leichthin: „So ist es eben.“ Eine überraschend optimistische und fröhliche Dokumentation über die Fähigkeit, glücklich zu sein. / Franziska Winkler

D/Rumänien 2004, OmU, 75 Min. Regie: Antje Grez, Kinostart: 18.8.